Plus und Minus von 2 Jahrzehnten heutiger Kieferorthopädie

Bei Anfragen wären folgende Angaben zur Person hilfreich:
A) Patient (Alter?)/ Eltern/ Lehrkräfte/ Zahnarzt / Zahntechniker/ Therapeuten o.ä.
B) Schon in Behandlung / Erst- bzw. Zweit-Behandlung suchend / unbetroffen interessiert o.ä.
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Plus und Minus von 2 Jahrzehnten heutiger Kieferorthopädie

Beitrag#1von ruebezahl » 1. Mär 2018 21:39

Liebe Leser,
nun ist mal Zeit für eine Rückschau.
Die vergangenen zwei Jahrzehnte an einigen Beispielen.

Vor 20 Jahren waren Mobiltelefone oder schnelles Internet noch Luxus. Webseiten waren entsprechend schlank an Datenvolumen, und erst wenige Arztpraxen hatten eine eigene Internetpräsenz.
Vor 10 Jahren bekam man noch richtig Zinsen auf dem Sparkonto, oder für Geldanlagen in erneuerbare Energien. Wohnungsnot war damals noch kein Thema, und in Berlin war Raum für kreative Ideen.

Seit den späten 90er Jahren, in reichen Gegenden auch eher, grassierte der Masseneinsatz fester Bracket-Spangen an Kindern und Jugendlichen. Damals machten wohl viele Kieferorthopäden Druck auf Eltern in dem Sinne, eine spätere Behandlung wäre schwierig bis unmöglich.
Die 0er-Jahre waren davon belastet. In dieser Zeit wurden auch die östlichen Bundesländer an das Bracket-Vermarktungsgebiet annektiert.

In den 10er-Jahren hat dieser Masseneinsatz insgesamt etwas nachgelassen. Ursächlich scheint mir, dass Kieferorthopäden ihre Tätigkeit zunehmend auf Erwachsene verlagern. Dies geht nicht zuletzt mit der Weiterentwicklung und Diversifizierung von Aligner-Methoden einher.
Jedoch kann so eine Spätbehandlung in Fällen mit falschen Bisslagen oder zu engen Kiefern eine Behandlung unter Ausnutzung des Wachstums nicht voll ersetzen. Leider ist diese nicht mehr überall wohlfeil.

Schlimmer betrifft es die Altersklasse der Grundschul- und Kindergartenkinder, also die kieferorthopädische Frühbehandlung, im wesentlichen von seitlichen oder frontalen Kreuzbissen (unterentwickelter Oberkiefer und / oder Vorbiss, Frühbehandlung ist Kassenleistung). Ende der 90er Jahre waren Gaumennahtsprengungen (GNE) und Außenspangen (Delaire-Masken) in Deutschland zur Frühbehandlung noch sehr unüblich. Zeitgenössische Dozenten empfahlen sie nicht. Mitte der 0er-Jahre formierte sich dann eine Speerspitze aus „modernen“ Kieferorthopäden, die diese Brutalbehandlung bereits für kleine Kinder propagieren. Und anders als bei den Bracket-Spangen breitet sie sich seitdem ungebremst aus!
Zwei aktuelle Beispiele dafür:
1) In Wien suchte eine Mutter für ihre 7-jährige Tochter, die erst 4 Milchzähne gewechselt hat, mit großer Ausdauer eine angemessene Behandlung. Weil sie in ihrer eigenen Jugend nach einer kieferorthopädischen Behandlung mit Headgear usw. ein kieferorthopädisches Trauma erlitten hatte: mehrere Zähne sind ihr kurze Zeit danach abgestorben. Unabhängig davon leidet sie durch unphysiologische Bisslage an Zähneknirschen und Verspannungen.
Jedenfalls wollten von 7 Kieferorthopäden:
2x GNE (den Gaumen brechen...) am liebsten schon im Milchgebiss,
2x GNE jetzt (oder Headgear bei dem einem, Gefährdung s.o.),
1x Brackets jetzt,
2x zuwarten und später GNE (oder bei einem ggf. gleich Bracket-Spange).
Erst die 8. Praxis, in der sie vorstellig wurden, bietet gesundheitsfördernde schmerzlose Behandlung anstatt traumatischer. Hierbei mit einem Maxillator, ein funktionskieferorthopädisches Hybrid-Gerät speziell gegen unterentwickelte Oberkiefer.

2) In Hamburg waren Suchende mit einem stärker betroffenen 5-Jährigen erst 1x an den Falschen geraten. Bezeichnend dafür, dass der Junge Privatpatient ist, sollten nach der Brachialbehandlung aktive Platten und funktionskieferorthopädische Geräte folgen. Eine Behandlungsmaximierung, die vormals vollwertige Behandlungsmittel zu bloßen Retentionsgeräten verkommen lässt.
Dann fanden sie mein Positivlisten-Angebot, und auch von ihrem persönlichen Umfeld wurde ein Kieferorthopäde „alter Schule“ empfohlen. In Hamburg sind die offenbar noch nicht so selten. Aber auch anderswo, einschließlich Österreich, Schweiz und andere Länder gibt es einzelne.
Auch vollwertige Konzepte ganzheitlicher Kieferorthopädie gibt es in vielen Erdteilen, aber auch heuchlerisches „Ganzheitlich light“, das nur eine gute Grundlage für anschließende feste Spangen schaffen soll, oder sich auf Bagatellfälle begrenzt.

Insgesamt aber werden bei der Modernisierung der Frühbehandlung kinderfreundliche Behandlungswege weiträumig ignoriert. Wird dazu gegen langsame oder abgebrochene Behandlungsverläufe Front gemacht, und den Kindern stattdessen Schmerzen und Folgeschäden aufgebürdet?
Dabei ginge es robuster und mit mehr Tragekomfort als z.B. mit dem altbewährten Funktionsregler 3 nach Fränkel.
Technisch längst nicht ausgereizt sind konfektionierte (oder auch individualisierte) Trainer. Sie würden in größerem Stil kostengünstige Kieferorthopädie ermöglichen. Was davon in aufstrebenden kinderreichen Ländern in Fernost in den Mündern ist, weiß ich nicht.

Eine andere Gefahr für Kinder bei geschäftstüchtigen Kinderzahnärzten und mobilen Anästhesisten schilderte eine skeptische Mutter, die selber in einem dental unterversorgten Land aufgewachsen war und viele große Füllungen und einen Fehlbiss hat:
ein Nachbarsohn wurde von zweiten bis zum vierten Lebensjahr 3x unter Vollnarkose zahnbehandelt, „und jedesmal ging es entwicklungsmässig rückwärts mit ihm, es war augenscheinlich. Heute ist er auf Entwicklungsebene eines 2.5 jähriges Kindes.“
Auch hier beschränken sich die Alternativen nicht auf psychologisches Geschick, sondern es gibt z.B. gegen Karies verschiedene Methoden „ohne Bohrer“ wie z.B. Ozon, chemische Kariesentfernung oder - technisch aufwändiger - Bohren mit Laser.

Wie mag die Welt in 10 Jahren ausehen, und wie werden wir dann die heutige Zeit sehen?
Spätwinterfrostige Märzanfang-Grüße,
Rübezahl
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Kassen-Ausgaben für Kieferorthopädie kürzen? Aber wie?

Beitrag#2von ruebezahl » 28. Apr 2018 21:06

Liebe Leser,
aktuell haben wir es schwarz auf weiß in der Presse:
Krankenversicherungen geben reichlich Geld für Zahnspangen aus, deren medizinischer Nutzen unzureichend geklärt ist.

Im Vergleich zu 2001, als die Kassen noch sämtliche Kieferorthopädie zahlten, hat sich die Zahl der Behandlungen auf Kassenkosten zwar nahezu halbiert. In der Altersklasse der 10- bis 16-Jährigen ist sie jedoch nur um 20% gesunken, und die Ausgaben der Kassen für Kieferorthopädie sind lediglich um 5% gesunken.
Das kann nicht nur daran liegen, dass es nun die schwereren Fälle sind, für die die Kassen aufkommen. Der Selberzahler-Anteil ist gewachsen, auch durch das neue Marktsegment der Aligner-Behandlungen.
Es gibt Spezialisten für Behandlungsmaximierung, die die Krankenversicherungen und Selberzahler gleichermaßen plündern.

Kieferorthopädische Normalität ist dagegen heutzutage, z.B. in einem typischen Behandlungsplan für eine 10-Jährige mit noch etlichen Milchzähnen, dass zunächst Einzelkiefer-Spangen zum Platzgewinn und dann eine Doppelkiefer-Spange gegen Unterkieferrücklage vorgesehen sind. Früher war die aktive Behandlung danach zuende, wobei die Einzelkiefer-Spangen auch noch dazu dienten, Zähne einzureihen.
Heute folgt im Plan meist noch eine feste Bracket-Spange für lange 2 Jahre. Dies steigert die Einnahmen auf das 2,4-fache, wobei Labor- und Materialkosten noch nicht enthalten sind. Mit zusätzlichen Zahnversiegelungs- und Reinigungsprozeduren, die auch ein Kollege durchführen könnte, sogar auf das 2,7-fache.

Wo könnte der Rotstift angesetzt werden?
Lobbyisten preschen vor und machen gegen - wenig kostenintensive - Frühbehandlungen und gegen herausnehmbare Spangen Front. Diese haben jedoch, wie gesagt, im Vergleich zu früher häufig Funktionen eingebüßt.
Ist ein Hollywoodgebiss, womöglich mit Bracket-Karies, langfristig gesünder als Zähne, die einigermaßen in der Reihe stehen?
Ist eine Normalbisslage auf die lange Sicht gesünder als eine Rückbiss- oder andere falsche Bisslage?

Wer betreibt Langzeitstudien, die einen Gesundheitsnutzen kieferorthopädischer Maßnahmen hieb- und stichfest belegen könnten? Wie misst man diesen? Wer in welchem Alter noch wie viele eigene Zähne hat? Was allerdings in Relation zu den bis dahin angefallenen Zahnbehandlungskosten zu setzen wäre.
Es bräuchte auch eine kieferorthopädisch unbehandelte Kontrollgruppe mit ansonsten möglichst gleicher Lebensweise. Und früher oder später wird der Einfluss der Ernährung und der von Risikofaktoren überwiegen.

Droht bis dahin ein Verdrängungswettbewerb? Dass einflussreiche medizinische Hersteller preisgünstige Alternativen abdrängen, kommt öfter vor. Physiotherapeuten z.B. „holen Patienten vom OP-Tisch weg“, aber werden dafür gering honoriert.
Oder im Beipackzettel einer beliebten Salbe, die von einer kleinen Firma kommt, steht: „Traditionell angewendet gegen ….“ Weil kleine Hersteller die hohen und teuren Hürden, die die Pharma-Industrie installiert hat, nicht absolvieren können?

Räumlicher Verdrängungswettbewerb, am Rande notiert:
in Deutschland und anderswo dürfen auch Allgemeinzahnärzte kieferorthopädisch behandeln (auf Kassenkosten in begrenztem Umfang), damit auch abgelegene Gebiete versorgt werden können.
Nicht jedoch im dichtbesiedelten Holland, das deutschen Ballungsräumen gleicht. Dort dürfen nur Fach-Kieferorthopäden mit Zahnspangen behandeln.
Pikanterweise wird eine holländische Internetplattform, die eigentlich für den wichtigen Zweck ist, Ärzte-Pfusch ans Licht zu zerren (Fehldiagnosen, Behandlungsfehler), von Fach-Kieferorthopäden dazu missbraucht, kieferorthopädisch tätigen Zahnärzten die Zulassung zu entziehen. Wobei es keine Rolle spielt, ob die Behandlung erfolgreich war und ob die Patienten zufrieden sind.
Nicht als Kieferorthopädie scheint dort die Anwendung von konfektionierten Trainern (Beißschienen) zu zählen. Ist das der Grund, warum diese wirtschaftlichen Therapiemittel in Holland verbreiteter sind als bei uns?

Soweit für diesmal,
Rübezahl
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